Ich habe einen Kunden. Anfang 60. Er hat sein Berufsleben vorrangig unter Tage verbracht und hatte dort sogar eine Führungsposition in der Grubenwehr.
Er kann Geschichten erzählen, die gleichermaßen traurig wie auch spannend sind. Doch trotz aller Verantwortung, trotz allem technischen und handwerklichen Verständnis, das man unter Tage braucht, ist er, wie man es volkstümlich nannte, „ein einfacher Mann“.
Seine Passwörter stehen auf einem „Passwort-Zettel“, manchmal einmal, manchmal mehrfach gewechselt. Alle irgendwie ähnlich, aber immerhin verschieden. Auf den ersten Blick sehen sie gut aus. 1Qay2Wsx3Edc4Rfv – Wenn man es tippt, merkt man, dass auch hier die Einfachheit vor der Komplexität gewichtet wurde. Auf Nachfrage erzählt er, dass „ein Kumpel, der davon mehr versteht als ich“ es für ihn eingerichtet und ihm gezeigt hat, wie man sich so etwas zusammen bastelt. Doch dieser Kumpel ist nun nicht mehr da.
Und nun ist sein Microsoft-Konto gesperrt. Er hat keinen Zugriff mehr drauf. Warum, weiß er selbst nicht. Es geht einfach seit einigen Tagen nicht mehr. Vielleicht das Passwort mehrfach falsch eingegeben, vielleicht irgendwo falsch geklickt. Was man eben so tut, wenn man mal unachtsam ist und dann ist es schnell auch „zu spät“.
Microsoft hat ein Formular, um wieder auf die Mail-Adresse zugreifen zu können:
Alternative Email-Adresse? – Er hat genau: Eine! Und die ist nun gesperrt.
Telefonnummer hinterlegt? – Warum, will Microsoft ihn etwa mal anrufen? Ihn, den kleinen Mann?
Alte Kennwörter? – Für die Email-Adresse wurde das Kennwort auf dem Zettel nie durchgestrichen.
Authenticator-App? – So etwas braucht man doch nur in der Raumfahrt. Auf dem Smartphone sind insgesamt 12 Apps installiert. Ebenso wie Android 10.
Microsoft fragt nach den Betreff-Zeilen der letzten Emails. – Wer kennt schon die Betreffzeilen von Newslettern und Bestellbestätigungen?
Der Mitarbeiter von Microsoft am Telefon fragt, ob er sonst noch nie eine Email an Freunde geschrieben hätte? – Hat er nicht, denn er sieht seine Kumpel regelmäßig beim Stammtisch. Und ansonsten hat er noch echtes Briefpapier in der Schublade seines Schreibtisches.
Microsofts Antwort auf das Formular: Du bekommst dein Konto nicht wieder. Und dann sitzt da ein Kunde neben mir, für den eine Welt zusammenbricht, weil er nun nicht mehr auf seine Email-Adresse zugreifen kann, mit der er schließlich ALLE Online-Aktivitäten tätigt. Amazon, Ebay, diverse Webshops, ein paar Online-Spiele und nun kriegt er Nachrichten von all diesen Seiten und kann diese nicht abrufen. Und in seinem Lieblingsspiel kann er nichts mehr kaufen, weil das nur über Microsoft geht. Zunächst dachte er sogar, dass er, wenn er nicht mehr auf die Mails zugreifen kann, sich auf all den Seiten nicht mal mehr einloggen könnte, bei denen er einen Login hat. Aber diese Sorge konnte ich ihm zum Glück nehmen.
Safety first. Datenschutz. Datensicherheit. Alles wichtig, alles richtig. Aber wo ist der „das geht hier alles zu schnell“-Schalter für die Generation, die mit ihren Händen Deutschland aufgebaut hat und der die ganze technische Entwicklung sowieso viel zu schnell geht, weil sie sie überfordert. Die Generation, die sagt „ich kaufe mir nur noch Autos, die einige Jahre alt sind, weil diese noch Knöpfe und nicht nur Bildschirme haben“. Die Generation, die es „einfach“ möchte, weil vieles sowieso schon viel zu schwierig geworden ist.
Safety first. Wir reden auf diese Menschen ein, nichts zu klicken, was in irgendeiner Form „komisch“ aussieht. Wir weisen darauf hin, dass hinter der angezeigten „service@bank.de“ auch ein „as3k3m9hndked3@irgendwas.com“ stecken könnte und man das immer prüfen sollte. Banken und andere Institute weisen ständig drauf hin, dass sie niemals per Mail nach Passwörtern fragen und dass Mails, die sich um Passwort-Änderungen oder Ähnliches handeln, oftmals SCAM sind.
Mein Kunde sagte, er habe von Microsoft schon mal die Aufforderung erhalten, MFA einzurichten. Er habe nur nicht verstanden, was eine Medizinische Fachangestellte mit seinem Microsoft zu tun hat und ist deswegen dieser Aufforderung nie nachgekommen. Warum er „MFA“ nicht verstanden hat? Weil er auf 538€-Basis für eine kleine Arztpraxis den Hausmeister macht und dort leidlich dafür geschunden wurde, dass er zu einer MFA versehentlich „Arzthelferin“ gesagt hat. Aber das heiße inzwischen „MFA“ und das solle er sich gefälligst merken. Hat er. Aber das ist ein anderes Thema.
Was kann ich nun für jemanden wie diesen Mann tun, wenn Microsoft da einfach sagt „mir doch egal, du bist in unserer Welt einfach nicht mehr sichtbar“?
Ich bin ratlos. Verzweifelt. Traurig. Wütend. Nicht mal, weil ich nicht helfen kann. Auch. Vor allem aber, weil es aus dieser Generation sicher noch viele Menschen gibt, denen bereits Ähnliches widerfahren ist oder vielleicht noch widerfahren wird. Und diese Generation hat Besseres verdient. Weil es unsere Eltern oder Großeltern sind. Eine Generation, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut hat und nun vor einer technischen Entwicklung in die Knie geht, die sie schlichtweg überholt hat.
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Nachtrag: Als ich diesen Artikel vor wenigen Tagen schrieb, war alles sehr aussichtslos. Ich habe mir den Kummer von der Seele geschrieben, war aber mit einigen Passagen und Ausdrücken noch nicht ganz fein. Daher habe ich den Artikel noch nicht veröffentlicht gehabt.
Heute, etwa eine Woche später, eine IT-Messe später und einen Besuch bei meinem Kunden später, hat sich die Situation gewendet. Er hat „ausgemistet“ und diverse alte Zettel gefunden, auf denen die unterschiedlichsten Informationen rund um seinen PC, seine Webseiten-Logins, etc. standen.
Und es standen dort auch zwei Passwörter aus der Zeit, als das Konto bei Microsoft ins Leben gerufen wurde. Vor etwa 12-13 Jahren. Diese beiden alten Passwörter haben am Ende gereicht, um Microsoft zu überzeugen, ihm das Konto doch wieder frei zu schalten. Aber, das war einfach Glück. Oder, wie man hier im Ruhrpott auch sagt: „Dat Glück ist mit die Doofen!“
Denn selbst ein Mitarbeiter von Microsoft hat mir auf der Messe, die ich letzte Woche besucht habe, noch gesagt, dass hier kaum eine Chance besteht, ein gutes Ende zu finden, da MS über viele Jahre immer mal wieder Meldungen beim Login gebracht hat, das Konto zusätzlich abzusichern. Meldungen, die mein Kunde weggeklickt hat, weil er nichts ändern wollte – es funktionierte ja schließlich reibungslos und mit „nur Passworteingabe“ ja auch relativ einfach.
Für heute gilt: Ende gut. Aber trotzdem noch nicht: Alles gut. Denn das eigentliche Problem ist immer noch da: Die Generation unserer Eltern und Großeltern kann der schnellen Entwicklung der IT und des Internets kaum folgen und gerät immer mehr ins Hintertreffen.
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